Casa payesa: die traditionelle Bauweise der Insel
So ist ein traditionelles ibizenkisches Bauernhaus aufgebaut: Räume, Mauern, Dach, Zisterne und Porxo – und wie du Casas payesas heute erkennst.
Die weißen Würfel mit tiefen Fenstern und kleinen Terrassen gehören zu den bekanntesten Bildern der Insel. Dahinter steckt keine Mode, sondern jahrhundertelange bäuerliche Praxis. Diese Guide erklärt dir, wie ein traditionelles Haus aufgebaut ist, warum es so aussieht, und woran du die echten Vorbilder von heutigen Nachbauten unterscheidest. Die Grundlage ist ein gut dokumentiertes Beispiel, das du besuchen kannst: das Bauernhaus Es Porxet bei Puig des Molins.
Casa payesa: was das Wort bedeutet
«Casa payesa» ist die spanische Form, im Katalanischen sagt man «casa pagesa». Gemeint ist das Bauernhaus, die Haupt- und Arbeitsstätte einer Familie auf dem Land. Das Museum beschreibt, dass ein solches Haus nicht nur zum Wohnen diente, sondern zugleich das Zentrum der landwirtschaftlichen Produktion der Umgebung war[1]. Daher sieht es so schlicht und zweckmäßig aus: Alles, was du siehst, entspricht der Lebensweise der Bewohner.
Der Grundriss: Räume als Bausteine
Das Haus besteht aus mehreren Räumen, die man auf Katalanisch «cases» nennt, jeder für eine Aufgabe. Das Museum nennt am Beispiel von Es Porxet etwa die Küche, in der gekocht, gegessen und gewaschen wurde und in der sich die Familie versammelte, die «casa de jeure» als Schlafraum, die «casa del gra» als Lager für Getreide und Hülsenfrüchte und die «casa del carro» für Wagen und Landgeräte[1].
Das zentrale Element ist der porxo, ein langer Raum, der Zugang zu den übrigen Räumen gibt. Dort fanden verschiedene Haushaltsarbeiten statt, aber auch Familienfeste, Besuche von Verehrern und der Empfang von Gästen[1]. Wenn du ein altes Haus von außen betrachtest, erkennst du den porxo an der offenen oder überdachten Vorhalle.
Warum so viele Würfel?
Ein Haus auf Ibiza ist selten auf einmal gebaut worden. Das Museum erklärt, dass die Bewohner es selbst und je nach Bedarf erweiterten[1]. Wuchs die Familie, kam ein neuer Raum an einen bestehenden. So entsteht die typische Anordnung aus aneinandergesetzten, würfelförmigen Baukörpern, die auf Fotos oft wie ein zufälliges Mosaik wirkt. Es ist das Gegenteil eines Plans: Die Form folgt dem Leben.
Das erklärt auch, warum die Häuser «zeitlos» wirken. Sie folgen keiner Mode, sondern der Funktion[1].
Material und Bauweise
Die Mauern entstehen aus zwei Reihen von Steinblöcken, die mit Kalkmörtel verbunden sind; dazwischen liegt eine Füllung aus Mörtel und kleineren bis mittelgroßen Steinen. Die Wände werden mit Kalkmörtel verputzt[1]. Der Kalk ist der Grund für das helle Weiß, das man mit der Insel verbindet: Er schützt, reflektiert Sonnenlicht und lässt sich leicht erneuern.
Das Gebäude passt sich dem unebenen Gelände an: Steine werden zugehauen, Zwischenräume gefüllt, bis Flächen eben sind[1]. Die tragenden Balken bestehen aus Holz von Kiefer, Sabina und Olive. Auf ihnen liegt das Dach aus mehreren Schichten von Algen, Erde und Ton, das wasserdicht ist und Regenwasser in die Zisterne leitet[1]. Innen sind Böden aus Mörtel und Terrakottafliesen erhalten[1].
Draußen gehören oft kleine Terrassen dazu, auf denen Opuntien oder ein Gemüsegarten wuchsen, sowie Stallungen. Bei Es Porxet wurde sogar eine alte punische Grabkammer als Stall für ein Maultier wiederverwendet[1]. Weil Bauern in die Schächte der antiken Gräber Obstbäume pflanzten, vor allem Oliven, prägen sie bis heute das Bild des Geländes[2]. Mehr zur Antike dort: Phönizier und Punier: Puig des Molins und Sa Caleta.
Wie alt sind solche Häuser?
Das Museum nennt für den ältesten Teil von Es Porxet das Ende des 16. oder den Beginn des 17. Jahrhunderts. Später folgten Umbauten, Erweiterungen und kleinere Veränderungen im 18., 19. und 20. Jahrhundert[1]. Bewohnt war das Haus bis in die 1970er-Jahre[1]. Das gibt dir einen Anhaltspunkt: Traditionelle Bauformen bestanden bis ins 20. Jahrhundert, und wer ein Haus mit alten Teilen findet, sieht oft mehrere Bauphasen nebeneinander.
So erkennst du eine traditionelle Casa payesa
Wenn du auf Landstraßen unterwegs bist, achte auf diese Merkmale:
- Kubische, aneinandergesetzte Baukörper mit flachen Dächern,
- kleine, tief sitzende Fenster in dicken Mauern,
- weiß gekalkte Wände,
- eine Vorhalle (porxo) als Zugang zu den Räumen,
- Terrassen und Nebengebäude für Garten und Tiere.
Viele neue Villen greifen diese Formen auf. Ob ein Haus alt oder neu ist, erkennst du an Details: Echte Bauernhäuser wirken unregelmäßig, mit schiefen Linien und mehreren Bauphasen. Neue Häuser sind meist symmetrischer und glatter. Wir können das nicht von jedem Haus sagen, aber als Faustregel hilft es.
Besuchen statt nur ansehen
Am besten verstehst du die Bauweise, wenn du ein Haus von innen siehst. Das Haus Es Porxet gehört zum Monografischen Museum Puig des Molins; das Museum veranstaltet dort laut eigener Seite gelegentlich Workshops und dramatisierte Besuche[1]. Wann das Haus zugänglich ist und was es kostet, ändert sich; prüfe es bitte direkt bei der Museumsseite, bevor du dich darauf verlässt.
Privatgrundstücke und bewohnte Höfe sind kein Ziel für spontane Besichtigungen. Fotografiere vom öffentlichen Weg aus und respektiere Zäune und Schilder.
Weiterlesen
Die Bauformen gehören zur Kultur der Insel, die du auch an der Sprache erkennst: Eivissenc: welche Sprache auf Ibiza gesprochen wird. Wie das ländliche Leben in die Geschichte der Insel passt, zeigt Die Geschichte Ibizas in zehn Stationen. Und für Ideen, was du sonst noch sehen kannst, steht unter Geschichte & Kultur der Überblick.
Quellen
Jede konkrete Angabe stützt sich auf eine dieser offiziellen Quellen.
Das Bauernhaus Es Porxet bei Puig des Molins wurde mit traditionellen ibizenkischen Techniken gebaut, bis in die 1970er-Jahre bewohnt und umfasst Räume («cases») für verschiedene Funktionen: Küche, casa de jeure (Schlafraum), casa del gra (Getreide- und Hülsenfrüchte-Lager), casa del carro (Wagen und Geräte) und den langen Vorraum porxo. Das Haus wurde von seinen Bewohnern je nach Bedarf erweitert; der älteste Teil entstand vermutlich Ende des 16. oder Anfang des 17. Jahrhunderts. Die Mauern bestehen aus zwei Steinreihen mit Kalkmörtel und einer Füllung aus Mörtel und Steinen; die Balken sind aus Kiefer, Sabina und Olive, das Dach aus Schichten von Algen, Erde und Ton, das Regenwasser in die Zisterne leitet.
Bauern pflanzten in die Schächte der Hypogäen von Puig des Molins Obstbäume, vor allem Oliven.
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